KiTa, Schule, Freizeit – Kinder und ihre Mobilität
Jedes Jahr finden mittlerweile zweimal im Jahr "Kidical Mass"-Events statt - in ganz Deutschland, und auch in Renningen. Aber warum sollte es uns interessieren, wie die Mobilität für Kinder aussieht? Lest mehr in diesem Beitrag.

KiTa, Schule, Freizeit – Kinder und ihre Mobilität
Kinder und ihre Umwelt, Kinder in ihrer Umwelt
Kinder erleben ihre Umwelt mit besonderen Prioritäten. Für ein Kind ist Mobilität nur selten Mittel zum Zweck. Es geht ihm nicht um den Ortswechsel, sondern in unterschiedlicher Ausprägung um ein gelebtes Abenteuer. Selbstaktiv, mit Gummistiefeln an den Füßen und einem Regencape über dem Körper in Pfützen springend, durch die Regentropfen tanzend, auf einem Laufrad flitzend, einem Schmetterling hinterherjagend, den Hund auf der anderen Straßenseite beobachtend, am Kastanienbaum nach den schönsten Kastanien – die mit den weißen Lätzchen! – suchend, und vor allem als Erste oder Erster am Baum sein.
Ein Kind, das morgens in den Kindergarten gebracht wird, kann auf diesem Weg aber auch hinter einer Scheibe sitzen und die für den kleinen Kopf viel zu schnell vorüberziehende Welt kaum wahrnehmen, während es von Mama oder Papa in einem Auto bis vor die Tür gefahren wird. Wie, so sollten wir uns als Gesellschaft fragen, soll das Kind so seinen Orientierungssinn schulen? Wie den eigenen Kompass finden und kalibrieren? Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto bringen, machen dabei nicht einmal unbedingt etwas falsch. Die
Gefahren, die sich aus dem Autoverkehr für selbstaktive Menschen (unter anderem eben Kinder) ergeben, sind nicht zu unterschätzen. Es reicht eben der oder die Eine, die unaufmerksam und/oder gestresst ein Auto lenkt, um sehr schlimme bis fatale Folgen zu spüren. Aber was passiert einem Kind, wenn alle Kinder selbstaktiv mobil sein dürfen?
Konkrete Risiken
Vor diesem Hintergrund setzt sich die Ortsgruppe Renningen - Rutesheim - Weil der Stadt unter anderem mit einer zweimal jährlich durchgeführten Kidical Mass für die Rechte der Kinder ein. Denn neben dem Wollen fehlt oft das Lassen durch Dritte. Wer hat es noch nicht erlebt, dass Menschen ihre Autos mitten auf Gehwegen abstellen um „nur mal kurz…“?
Wer hat es noch nicht erlebt, dass Hecken so weit in den Gehweg hineinwachsen, dass die Breite kaum zum Laufen reicht?
Wer hat es noch nicht erlebt, dass oft schmale Gehwege von Baustellenbeschilderungen soweit eingeengt wurden, dass man schon als erfahrene*r Erwachsene*r Schwierigkeiten hat durchzukommen?
Handlungsfelder
Es gibt also in Renningen drei Stoßrichtungen, die Situation für die Kinder zu Verbessern:
- Schul-, KiTa- und Freizeitwege barrierefrei gestalten
- Falschparker konsequent verfolgen
- Elterntaxis aus dem direkten Umfeld von Schule und KiTa verbannen (Fahrradstraße, Schulstraße, Schulzone)
Zur barrierefreien Gestaltung von Kinderwegen – sei es zur KiTa, zur Schule oder am Nachmittag zur Musikschule oder zum (Sport-)Verein – gehört vor allem die Schaffung breiter Gehwege. Dazu müssen Grundstückseigentümer angehalten werden, Hecken nicht über Grundstücksgrenzen wachsen zu lassen. Dazu muss eine Stadt wie Renningen mit ihren oft schmalen Straßen auf öffentliche Stellplätze für Kraftfahrzeuge verzichten und dem fließenden Fuß-, Rad- und Kraftverkehr den Vorrang einräumen. Private Kraftfahrzeuge müssen
wo immer möglich auf privatem Grund abgestellt werden (können). Wo absolut nicht auf Stellplätze verzichtet werden kann – vor Geschäften (wie funktionieren eigentlich Fußgängerzonen?), Arztpraxen, Apotheken und öffentlichen Gebäuden – muss die Breite der Gehwege zu Lasten der Fahrbahn geschaffen werden. Kluge Einbahnstraßenlösungen können in solchen Situationen erhebliche Freiräume schaffen.
Zur Barrierefreiheit im nichtmotorisierten Verkehr gehört auch der zweite Punkt: Was nutzen breite Gehwege, wenn unachtsame Menschen diese als Parkplatz für ihr Kraftfahrzeug nutzen? Eine konsequente und effektive Ahndung solcher Verkehrsverstöße erhöht die Sicherheit aller Menschen. Dabei ist eine Unterscheidung zwischen Falsch- und Schwarzparkern von großer Bedeutung. Oft sind Falschparker für den Rad- und Fußverkehr verkehrsgefährdend, während Schwarzparker lediglich anderen Autos die Stellplätze wegnehmen.
Mit „gscheiter“ Infrastruktur für die selbstaktive und menschliche Mobilität sind unsere Mitmenschen auch für weitere Maßnahmen zu gewinnen. Wenn es gelingt, Falschparker konsequent und nachhaltig von den Gehwegen fernzuhalten, wenn es gelingt, die Fahrradabstellsituation zu verbessern (überdachte Stellplätze ohne Glasscherben), wenn es gelingt, mit spielerischen Elementen Kinder von selbstaktiver Mobilität zu überzeugen, dann kann der Schritt, vor den Schulen und KiTas sichere Räume für die Kinder zu schaffen, kein großer mehr sein.
Schulstraße – Was ist das?
Wie lässt sich nun vor Schulen und KiTas ein sicheres Umfeld ohne Elterntaxis erreichen? Hier bieten Schulstraßen und Schulzonen neben Fahrradstraßen neue und gute Möglichkeiten.
Der Begriff Schulstraße ist verkehrsrechtlich noch nicht definiert. Gerade deswegen hat das Ministerium für Verkehr in Baden-Württemberg einen Erlass veröffentlicht:
„Hinweise zur straßenverkehrsrechtlichen und straßen-rechtlichen Umsetzung von Schulstraßen und Schulzonen“: „Um die Verkehrssicherheit im Umfeld von Schulen zu erhöhen […], sollen […] die Straßen vor den Schuleingängen möglichst frei von Kfz-Verkehr gestaltet werden. Schulstraßen und Schulzonen sind geeignete Instrumente, um diesen Gefahrensituationen zu begegnen und das Schulumfeld sowie den Weg zur Schule sicher zu gestalten.“
Schulstraßen werden in dem Erlass als Straßenabschnitte definiert, die mindestens zeitweise – also am Beginn und am Ende des Schultages – gesperrt sind. Schulzonen hingegen werden als Bereiche definiert, die dauerhaft für den Autoverkehr gesperrt sind. In Ermangelung entsprechender amtlicher Verkehrszeichen, werden in dem Erlass die verkehrsrechtlichen Maßnahmen zur Umsetzung von Schulstraßen und -zonen beschrieben. Auch wird beschrieben, dass es nicht erst zu einem Unfall mit Personenschaden kommen muss, um eine Schulstraße oder -zone einzurichten. Stattdessen genügt der Nachweis, dass regelmäßig eine das allgemeine Risiko deutlich übersteigende Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts, mithin eine konkrete Gefahr, die auf besonderen örtlichen Verhältnissen beruht, vorhanden ist. Dass die Schulen in jeder Einführungsveranstaltung an alle Eltern die Bitte adressieren, den Kindern bei der Orientierung zu helfen, statt sie „blind“ in die Schule zu chauffieren, lässt sich leicht nachweisen. Dass Elterntaxis ein konkretes Risiko für alle anderen Verkehrsteilnehmenden sind, zeigt das folgende Bild.
Worauf also warten wir als Gesellschaft noch?



